Wenn wir über Chancengerechtigkeit in bayerischen Kitas sprechen: Was läuft in Bayern gut und wo liegen aus Sicht des evKITA heute die größten Ungerechtigkeiten?
Bayern verfügt über ein differenziertes und vielfältiges Kita-System. Das BayKiBiG hat in den letzten 20 Jahren viel in den Bereichen Inklusion (Kinder mit Behinderung und Migrationshintergrund) ermöglicht und bewegt. Der Ausbau der Plätze, die hohe Trägervielfalt und Instrumente wie die Pädagogische Qualitätsbegleitung (PQB) zeigen, dass Qualität sowohl strukturell als auch prozessorientiert gedacht wird. Gerade PQB hat dabei große Wirkung: Sie setzt bei der Praxis an, stärkt Teams in ihrer Reflexions- und Entwicklungsfähigkeit und wirkt damit genau dort, wo Qualität entsteht – in den Beziehungen. Die Interaktionsqualität ist nachweislich der Schlüssel zu Chancengerechtigkeit.
Die größten Ungerechtigkeiten entstehen allerdings dort, wo strukturelle Bedingungen nicht auskömmlich sind. In weniger finanzstarken Kommunen ist die Strukturqualität meist deutlich schlechter als in wohlhabenden Regionen. Häufig sind selbst in Stadtteilen mit geringerem sozial-ökonomischem Status die Kitas schlechter ausgestattet. Gerade dort sind aber Kinder, die besondere Unterstützung bei der Bewältigung ungleicher Startchancen brauchen. Teilweise kommen Kinder dort auch sehr viel später oder gar nicht in die Kita. Hier gilt es den sozialräumlichen Blick zu schärfen, der Armut, Belastungslagen, instabile Lebensverhältnisse und regionale Unterschiede systematisch berücksichtigt. Hier sehe ich nicht nur den Gesetzgeber in der Pflicht, sondern auch Kommunen, Kirchengemeinden und andere soziale Akteure, Eltern über den Wert und die Möglichkeiten des Kita-Besuchs aufzuklären und in Kitas mit besonders belasteten Kindern für passende und förderliche Bedingungen zu sorgen.
Viele Kinder wachsen in verdeckter Armut auf, ohne dass dies in Statistiken oder Förderlogiken sichtbar wird. Was bedeutet diese „stille Armut“ für die Praxis in den Kitas?
„Stille Armut“ ist für Kitas Alltag – und zugleich strukturell kaum abgebildet. Diese Kinder fallen durch Raster, weil ihre Familien keine Leistungen beantragen, Scham empfinden oder formale Anspruchskriterien knapp verfehlen. Für die pädagogische Praxis bedeutet das: Fachkräfte leisten weit mehr als Bildung im engeren Sinne. Sie kompensieren fehlende materielle Sicherheit, emotionale Belastungen, mangelnde Teilhabe – oft ohne zusätzliche Ressourcen.'Das ist eine enorme Verantwortung. Wenn diese Belastungslagen nicht anerkannt und finanziell hinterlegt werden, geraten Kitas in einen dauerhaften Überforderungsmodus.
Bayern ist geprägt von sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten zwischen Großstädten, strukturschwachen Regionen und ländlichen Räumen. Was bedeutet diese regionale Ungleichheit konkret für die Bildungschancen von Kindern?
Regionale Ungleichheit ist eine der zentralen, aber oft unterschätzten Dimensionen von Chancengerechtigkeit. In manchen Stadtteilen erleben wir oft eine hohe soziale Verdichtung: Armut, Migration, Wohnungsnot, Fachkräftemangel – alles kumuliert. In ländlichen Räumen wiederum gibt es oft kürzere Öffnungszeiten, lange Wege, begrenzte Unterstützungsstrukturen, z.B. Fachdienste, Beratungsstellen und Schwierigkeiten bei Personalgewinnung und -bindung.
Für Kinder heißt das: Ihre Bildungschancen hängen stark davon ab, wo sie aufwachsen – nicht nur von ihren individuellen Voraussetzungen. Ein gerechtes System muss diese Unterschiede anerkennen und ausgleichen.
Welche Rahmenbedingungen entscheiden heute am stärksten darüber, ob Kinder ihre Potentiale gut entfalten können oder nicht?
Entscheidend sind verlässliche Rahmenbedingungen, die pädagogische Arbeit planbar machen. Dazu gehören stabile Teams, Zeit für Beziehung und Reflexion sowie passgenaue Unterstützungssysteme.
Mit Blick auf die anstehende BayKiBiG-Reform: Was müsste sich ändern, damit Kitas in belasteten Sozialräumen nicht dauerhaft unter Druck stehen, sondern stabile Bedingungen für Qualität und Beziehung haben?
Aus Sicht des evKITA braucht es drei zentrale Veränderungen:
Erstens: Die geplante Verbesserung der Betriebskostenförderung muss nun rasch und vollständig in den Kitas ankommen. So können wir je nach Ausgestaltung eine Anhebung der gesetzlich gesicherten Kita-Finanzierung von ca. 60 auf 70 Prozent erwarten. Bis zu den notwendigen 90 Prozent braucht es aber weitere politische Schritte. So lange bleiben Kitas von der Finanzkraft der Kommune abhängig.
Zweitens: Kommunen müssen nun ihrerseits für Familienzentren, sozial-verträgliche Elternbeiträge und Planungssicherheit sorgen. Schwankungen bei Kinder- oder Buchungszahlen dürfen nicht automatisch zu Kürzungen führen. Qualität entsteht über Zeit – in Beziehungen, in Teams, in Vertrauen.
Drittens: Qualitätsentwicklung stärken, statt den Blick auf verschulte Fördermodule zu verengen. Gute pädagogische Arbeit braucht Haltung und Kompetenz. Kinder müssen sich gesehen fühlen und ihre grundlegenden Bedürfnisse im Alltag verwirklicht sehen. Die Qualität von Fachkraft-Kind-Interaktionen hat einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder. Die Interaktionsqualität ist auch nach neuesten Studien der wesentliche Faktor für Chancengerechtigkeit.


