Als bedeutsame Facette der Interaktionsqualität wird die Unterstützung von Lern- und Bildungsprozessen angesehen. „Insbesondere kognitiv aktivierende und damit besonders lernförderliche Interaktionen gelten als wichtige und gleichzeitig anspruchsvolle Aufgabe, die mit hohen Anforderungen an die Kompetenzen der pädagogischen Fachkräfte verbunden ist.“ (Hormann/Lichtblau 2022, S. 7).
Gemeinsam Denken und gemeinsam Lernen
Eine Methode, die sich dafür besonders gut eignet, ist das Sustained Shared Thinking (SST), also das „gemeinsame vertiefte Denken“ von Kindern und pädagogischen Fachkräften. Diese Form der Interaktion unterstützt Kinder dabei, eigene Hypothesen zu entwickeln, Dinge zu hinterfragen und sich so die Welt selbsttätig anzueignen (vgl. Hildebrandt/Dreier 2014, S. 42ff.; Szymanski/Hildebrandt et al. 2024, S. 125).
SST ist ein ko-konstruktiver Prozess, bei dem Kinder und pädagogische Fachkräfte auf Augenhöhe interagieren und das gemeinsame Interesse an einem Thema im Zentrum steht. Ideen, Geschichten und Erfahrungen werden untereinander ausgetauscht, erweitert und neu entwickelt.
Entsprechend sind die Interaktionen nicht zwangsläufig durch eine konkrete Zielsetzung oder ein festgelegtes Ergebnis begrenzt bzw. kann sich ein Dialog im Laufe des Gesprächs in verschiedene Richtungen entwickeln und auch Themenwechsel beinhalten (vgl. Mackowiak et al. 2021, S. 54, zit. nach Wadepohl 2021, S. 12).
Eine wichtige Besonderheit dabei ist die dialogische Form, in der die Denkprozesse geführt werden. Das Experimentieren und Forschen der Kinder kann vor allem dann zu nachhaltigen Bildungsprozessen führen, wenn es von Sprach- und Denkprozessen begleitet wird. Schäfer sagt dazu: „Die gemeinsam geteilte Erfahrung ist gewissermaßen die Keimzelle frühkindlicher Bildung“ (Schäfer 2011, zit. nach Hebenstreit-Müller 2022, S. 19).
Im Kita-Alltag kann diese Interaktionsform beim gemeinsamen Ausdenken und Weiterentwickeln von Geschichten, beim Philosophieren oder bei der Beurteilung von Tätigkeiten zum Einsatz kommen. Die dialogische Komponente des SST unterstützt Kinder dabei, sich intrinsisch Wissen anzueignen und vom Austausch untereinander zu profitieren.
Worauf es beim SST ankommt
Das gemeinsame Lösen von Problemen oder Aufgaben kann von pädagogischen Fachkräften durch Strategien der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung begleitet werden. Zentrale Elemente des SST sind
- Länger andauernde Interaktion:
SST ist durch kontinuierliche, ununterbrochene Dialogphasen mit mindestens fünf Wortwechseln gekennzeichnet, die über kurze Gespräche hinausgehen. Diese Dauer ermöglicht es den Kindern, komplexere Gedanken zu entwickeln und zu artikulieren. Wichtige Voraussetzungen dafür sind sowohl eine hohe Beziehungsqualität als auch eine Atmosphäre der Wertschätzung sowie eine partizipative Lernumgebung (vgl. Hildebrandt/Dreier 2014, S. 50; Hebensteit-Müller 2022, S. 17ff ). - Gemeinsame Verantwortung:
Sowohl Erwachsene als auch Kinder tragen aktiv zum Denkprozess bei. Die Erwachsenen fördern die Kinder durch gezielte Anregungen und Bestärkung, während die Kinder ihre eigenen Ideen einbringen. Hierzu gehört vor allem das Stellen offener Fragen (Was denkst Du, warum…?; Wodurch passiert denn …? Was wäre, wenn…?). Interaktionen auf dieser Ebene bezeichnet man auch als „explikativen Dialog“. In der Praxis bedeutet das beispielsweise gemeinsam zu überlegen, warum Dinge funktionieren oder auch zu spekulieren, was eine Veränderung bewirken würde (vgl. Hildebrandt/Dreier 2014, S. 42). - Kognitive Herausforderung:
Die Interaktion zielt darauf ab, höhere Denkprozesse anzuregen. Dazu gehört es beispielsweise Hypothesen aufzustellen, Probleme zu lösen oder Schlussfolgerungen zu ziehen. Dialoge dienen vor allem dazu, die Eigenexploration von Kindern zu fördern. Pädagogische Fachkräfte sollten den Fokus darauf legen, Kinderfragen zu würdigen, eigene Vermutungen anzustellen oder auch Fragen an Kinder zurückzugeben, ihren Positionen zuzustimmen und sie ggf. zu erweitern oder zu kontrastieren und darüber weiter in den Austausch zu gehen (vgl. Hildebrandt/Dreier 2014, S. 54). - Reflexion und Verstehen:
Ziel des SST ist es, das Verständnis der Kinder zu vertiefen und sie zu befähigen, eigene Gedanken zu reflektieren. „Dazu brauchen sie Gelegenheiten und eine Umwelt, die ihnen das Explorieren und Aneignen ermöglicht und sie unterstützt.“ (Hebenstreit-Müller, 2022, S. 11). SST geht aber noch weiter: Über das Schaffen einer positiven und unterstützenden Haltung hinaus ist ein echter Dialog erforderlich sowie Fragen und Denkanstöße die einen intellektuellen Austausch auf Augenhöhe zum Ziel haben.
Wie kann das nun konkret in der Praxis aussehen?
SST kann mit ein bisschen Übung und einer offenen Haltung gut im pädagogischen Alltag integriert werden, sowohl mit einzelnen Kindern als auch in kleineren Gruppen – Gesprächsanlässe finden sich fast immer. Sei es im Freispiel, beim Essen, beim Anziehen oder auch in Projektgruppen zu bestimmten Themenbereichen. Die Sandbank Nursery School hat Fähigkeiten aufgelistet, die SST an konkreten pädagogischen Handlungen festmacht (vgl. Hebenstreit-Müller 2022, S. 14 f). Konsequent angewandt, können sie dazu beitragen, die Interaktionsqualität deutlich zu verbessern und gleichzeitig intrinsisches Lernen zu unterstützen.
- Sich einstimmen:
gut zuhören, beachten und beobachten was Kinder tun - Echtes Interesse zeigen:
Blickkontakt halten, volle Aufmerksamkeit schenken, freundlich und zugewandt sein - Entscheidungen des Kindes respektieren:
z. B. „Magst du mir mehr darüber erzählen?“ und dann auch tatsächlich aufmerksam die Antwort anhören - Wiederholen:
z. B. „Ah, du meinst also…“ - Eigene Erfahrungen teilen:
z. B. „Ich friere immer schnell, deshalb trage ich gern eine warme Jacke.“ - Gedanken klären:
z. B. „Du meinst also, dass der flache Stein schwimmen kann?“ - Vorschläge machen:
z. B. „Vielleicht könntest du es ja mal ausprobieren?“ und dann auch konkrete Test-Möglichkeiten aufzeigen - Erinnern:
z. B. „Weißt du noch, dass du gesagt hast, der flache Stein könne schwimmen?“ - Ermutigen, Dinge gut zu überlegen:
z. B. „Du hast gut überlegt, welche Kleidung du im Garten brauchst. Was möchtest du jetzt zuerst anziehen? - Alternative Sichtweisen anbieten:
z. B. „Meinst du, der Maulwurf würde es schöner finden, wenn er gut sehen könnte?“ - Spekulieren:
z. B. „Meinst du, die Blätter würden im Herbst nicht vom Baum fallen, wenn wir ihn regelmäßig gießen?“ - Handlungen gegenüberstellen:
z. B. „Gut, dass du Handschuhe anhast. Meine Hände sind ganz kalt und ich kann gar nichts mehr anfassen.“ - Offene Fragen stellen:
z. B. „Was passiert jetzt?“, „Was meinst du dazu?“, „Ich frage mich, was passieren würde, wenn…“ - Modellhaftes Denken und darüber sprechen:
z. B. „Ich muss genau überlegen, wann wir das Buch anschauen. Wir müssen noch Tisch decken, einige Kinder wickeln und dann essen. Es ist schwer, einen guten Zeitraum zu finden.“
Literatur:
- Anders, Florentine (2025) Pisa-Studie: Die wichtigsten Ergebnisse. Deutsches Schulportal. Verfügbar über: https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/die-zehn-wichtigsten-ergebnisse-der-pisa-studie/ [Letzter Zugriff: 08.07.25]
- Hebenstreit-Müller, Sabine/ Hildebrandt, Frauke (2022) Denken lernen. Erkenntnisse und Anregungen zum Denken mit jungen Kindern. Berlin: wamiki
- Hildebrandt, Frauke/ Dreier, Annette (2014) Was wäre, wenn…? Fragen, Nachdenken und Spekulieren im Kita-Alltag. Weimar: verlag das netz
- Hormann, Kathrin/ Lichtblau, Michael (2022) Fachkräfte und Kinder im Dialog. Praxisband kognitiv aktivierende Interaktionsgestaltung im Kita-Alltag. Weinheim Basel: Beltz Juventa
- Siraj-Blatchford, Iram/ Sylva, Katy/ Taggart, Brenda/ Melhuisch, Edward /Sammons, Pam (2010): Das Projekt „The Effective Provision of Pre-school Education“. Wirksame Bildungsangebote im Vorschulbereich. In: Sylva, Kathy/ Taggart, Brenda (Hrsg.): Frühe Bildung zählt. Das Effective Pre-school and Primary Education Project (EPPE) und das Sure Start Programm. Berlin: Dohrmann Verlag. S. 15-27
- Szymanski, Laura/ Hildebrandt, Frauke/ Wronski, Carolone (2024) Sutained Shared Thinking fördert das innovative Verhalten vier- bis sechsjähriger Kinder. In: Frühe Bildung 13/3. S. 123 – 176. Verfügbar über: https://econtent.hogrefe.com/doi/epdf/10.1026/2191-9186/a000642 [Letzter Zugriff: 08.07.25]
Wadepohl, Heike (2021) Kognitiv aktivierende Interaktionsgestaltung. Kita-Fachtexte. Verfügbar über: https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/211126_KitaFachtexte_Wadepohl_01_final.pdf [Letzter Zugriff: 08.07.25]
Der Beitrag wurde verfasst von Christine Reitinger, PQB beim evKITA.
Dieser kurze Impuls soll Ihnen einen konkreten Eindruck vermitteln, an welchen Themen und mit welchen Methoden Sie mit Ihrer/m PQB arbeiten können.
- Anmeldung für PQB:
https://tms.aloom.de/antrag-auf-pqb/
- Weitere Informationen zu PQB
https://www.evkita-bayern.de/beratung/paedagogische-qualitaetsbegleitung-pqb
Dieses Projekt wird aus den Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit, Familie und Soziales gefördert.


