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Frühzeitig Beziehungen knüpfen - Kitas sind ein wertvoller Bestandteil der Gemeindearbeit

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Das letzte Jahr hat es auch der Öffentlichkeit deutlich gemacht: Die Kitas, damit sind im folgenden Kinderkrippen, Kindergärten, Häuser für Kinder und Horte für Schulkinder ge­meint, sind in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr weg zu denken. Zu Beginn der Corona-Pandemie wurde schnell die Systemrelevanz deutlich. Ohne Kita drohte bereits in den ersten Wochen Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und dem Einzelhandel ein Personalkollaps, da Eltern die Betreuung ihrer Kinder sicherstellen mussten.

Bereits nach einer Woche Lockdown wurde die Notbetreuung ausgeweitet, teilweise besuchten mehr als 80% der Kinder dieses Angebot. Schnell zeigte sich, die Kita ist nicht nur ein Bildungsraum für Kinder und ein Betreuungsort für Familien, sondern auch ein wirtschaftlicher Faktor unseres Gemeinwesens.

Was wie durch ein Brennglas offenbar wurde, hat sich seit Jahren als grundlegende Ver­änderung – einem Paradigmenwechsel im Aufwachsen von Kindern und der Gestaltung von Familienwirklichkeit entwickelt. Kitas haben in den letzten 15 Jahren einen großen Bedeutungs­zuwachs erfahren. Die Kita gehört zu den größten Wachstumsbranchen Deutschlands. „Sie stellt bundesweit eine der wichtigsten und spannendsten Trans­formationen im Sozial- und Bildungswesen dar“, so Prof. Dr. Thomas Rauschenbach (2019). In Bayern besuchen 90.000 Kinder eine evangelische Kita.

„Dieser Paradigmenwechsel fordert die evangelische Kirche in ihrer Mitverantwortung für frühe Bildung theologisch, diakonisch und politisch mehrfach heraus: Erstens steigt inhaltlich und konzeptionell der Anspruch an die frühe Bildung. In aller Schärfe werden ihre Bedeutung und die des Elementarbereichs für den späteren Bildungserfolg und mehr Bildungsgerechtigkeit, die vielfach von den sozialen Voraussetzungen abhängig ist, sichtbar“ (EKD, 2020, S. 11). Zwei Drittel der Herkunftseffekte werden vor der Schule wirksam. Zweitens ist eine deutliche Erhöhung der Nutzung früher außerfamiliärer Bildung auszumachen. Mittlerweile verbringen viele Kinder bereits ab dem ersten Geburtstag bis Einritt in die Schule sechs bis acht Stunden täglich in „ihrer“ Kita - in Kinderhäusern und Horten reicht die Spanne bis zum Ende der Grundschulzeit. Nach den Eltern und Groß­eltern sind die Pädagog*innen der Kita wesentliche und prägende Bezugspersonen für Kinder. Damit entwickeln sich Kitas zu einem Bildungsangebot, das hinsichtlich der Betreuungsintensität und -dauer die Bedeutung von Grundschulen bei weitem übertrifft. Schon heute arbeiten an Kitas mehr Pädagog*innen als an allen gemeinbildenden Schulen (Rauschenbach, 2019). Drittens verändern sich die Rahmenbedingungen und Bedeutung religiöser Bildung. Zum einen wird religiöse Sozialisation in den Familien nur noch fragmentarisch gelebt und zum anderen ist die Kita als Spiegelbild der Gesellschaft mit einer immer größeren Pluralität und Vielfalt verschiedener Religionen konfrontiert. Viertens gehen diese Entwicklungen Hand in Hand mit veränderten Bedürfnissen der Eltern und mit den Anforderungen an die Kinderbetreuung aber auch an den gemeinsamen Lebensraum. Für Familien mit jungen Kindern ist die Kita häufig die Kontaktfläche, um Gemeinschaft außerhalb der Kernfamilie mit anderen Erwachsenen in einer ähnlichen Lebenssituation zu erfahren, neue Freundschaften zu knüpfen und das Gemeinwohl vor Ort mitzugestalten.

 

Was kann die Kita den Erwachsenen einer Familie bieten? Die Kita als dritter Ort.

Bei Kitas denken wir zunächst an Angebote für Kinder. In Zeiten des Lockdowns wurde aber auch deutlich, dass nicht nur die fehlende Betreuungssituation für die Familien belastend war, sondern dass Eltern besonders auch den Austausch mit anderen Eltern, die Beratung durch die Kita-Pädagog*innen und das Erleben von Gemeinschaft in heraus­fordernden Zeiten vermissten. Es zeigte sich, dass neben dem Leben in der Kernfamilie und dem beruflichen Arbeitsplatz, die Kita für viele ein wichtiger dritter Ort ist. Gerade in der Familienphase mit kleinen Kindern, wo neben familiären und beruflichen Verpflichtungen weniger persönliche Hobbys und individuelle Aktivitäten möglich sind, ist die Kita ein zentraler Lebensraum für die gesamte Familie, die das Spannungsfeld zwischen Arbeit und Familie erheblich entspannt. Zahlreiche Kitas boten in Zeiten von Kitaschließung und Notbetreuung telefonische Beratung und Online-Zusammenkünfte an, die gut und zahlreich angenommen wurden.

Um welche Gesprächsthemen und Kontaktflächen geht es:

  • Die Geburt eines (Geschwister-)Kindes gehört für den Menschen zu den existenziellen Erfahrungen. Das Staunen über das Wunder eines neugeborenen Kindes, die Bewältigung von Ängsten, die Sorge bei Krankheiten und die Freude über gelingende Entwicklung liegen in dieser Lebensphase besonders nahe beieinander. In den Anmeldegesprächen und Eingewöhnungsphasen in der Kita werden diese Themen für viele Eltern wieder aktualisiert. Kitaleitung und Pfarrer*innen der Kirchengemeinde sollten in dieser Phase ansprechbar sein und Gesprächsangebote aktiv unterbreiten.
  • Die Herausforderungen in der sogenannten Rush-Hour des Lebens, berufliche Karriere und Familiengründung in Einklang zu bringen und sowohl mit Erfolgen und Scheitern angemessen umzugehen, erfordert erwachsene Gesprächspartner*innen. Das können andere Eltern, die Kita-Leitung, die Pädagog*in des Kindes oder die Trägervertretung, Seelsorger*in, Ehrenamtliche der Kirchengemeinde sein.
  • Oft suchen Eltern auch ganz konkrete Informationen über die körperliche, psychische, religiöse und soziale Entwicklung der Kinder. Dabei möchten sie auch mehr über sich selbst erfahren, über Ursachen von Konflikten und Problemen mit ihren Kindern und Partner*innen. Eine enge Zusammenarbeit mit der Erwachsenenbildung, Familien­bildungsstätten und sozialen (diakonischen) Unterstützungssystemen, Beratungsstellen sichert den Entwicklungsraum der Kita auch für Eltern.
  • Eltern wünschen sich die Möglichkeit, soziale Netzwerke aufzubauen, um Entlastung zu organisieren und praktische Unterstützung zu erhalten. Offene Treffs in Kita oder Gemeindehaus sind gute Gelegenheiten „Kerngemeinde“ und „Kitagemeinde“ in Beziehung zu bringen. Eine Verantwortungsgemeinschaft, ein regionales Erziehungs- und Bildungsnetzwerk kann entstehen.

Entscheidend ist, dass sich Familien mit jungen Kindern gesehen fühlen. Wenn Bedürfnisse in dieser Lebensphase anerkannt und Gesprächsräume angeboten werden, entwickeln sich häufig große Offenheit und Verbundenheit. Die Kita ist also neben der Familie und der beruflichen Tätigkeit meistens der dritte wichtigste Lebens- und Beziehungsort.

 

Verlässliche Beziehungsgestaltung über Organisationsgrenzen hinweg

Religiöse Praxis hat in der Kita viel im ursprünglichen Sinne des lateinischen Wort religare – verbinden, zu tun. Die elementare Bindung von Kindern zu ihren Eltern wird in der Kita erweitert zu weiteren Erwachsenen, zu anderen Kindern, zwischen Erwachsenen sowie zu Gott. Evangelische Kitas zeichnen sich dadurch aus, dass sie als Institution sowohl einen eigenständigen Bildungs­auftrag haben als auch mit einem Netzwerk unterschiedlicher evangelisch-diakonischer Angebote verbunden sind. Synergien und Ressourcen entstehen, wenn innerhalb einer Gemeinde die Kita als Kontaktknotenpunkt genutzt wird, in dem auch andere kirchliche und diakonische Angebote dort stattfinden oder auf diese, wie zum Bei­spiel Krabbel- und Kindergottesdienste, Familienberatung, allgemeine kirchliche Sozial­arbeit (KASA) verwiesen wird. Dazu gehört es auch, dass Pädagog*innen der Kita per se als Hauptamtliche der Kirchengemeinde gesehen werden, die Kirche vor Ort mitgestalten und deren Erfahrungen in der Arbeit mit Familien in den entsprechenden Gremien genutzt werden. Eine regelmäßige Einladung und Mitberatung der Kita-Leitung im Kirchenvorstand ist ein erster dringend notwendiger Schritt.

Ein besonderes Augenmerk ist auf die Verbindung und Anschlussfähigkeit unterschiedlicher Organisationen und Angebote zu legen, um der Gefahr zu begegnen, dass beim Wechsel der Organisation, z.B. Abschied vom Kindergarten die Beziehung zur Kirche im Allge­mein­en verloren geht. Welches sind hier die richtigen und notwendigen Maßnahmen? Wie wird zum Beispiel die Verbindung geschaffen zwischen dem religionspädagogischen Angebot in der Kita und dem Religionsunterricht in der Schule? Und nachdem Bindung immer nur über menschliche Beziehung geht, wie geschieht diese für Kinder und Eltern erlebbar von der Kita-Pädagog*in zur Religionslehrer*in in der Grundschule und der Diakon*in aus der Kinder- und Jugendarbeit? Gerade bei zurückgehenden Ressourcen und der Notwendigkeit in weiteren Räumen zu wirken, ist die Frage zu stellen, wie frühzeitig ein Beziehungs­netz­werk von der Kita aus geknüpft werden kann – für Kinder und Erwachsene.

 

Literatur:

  1. EKD. Evangelische Kirche in Deutschland (2020). Kinder in die Mitte! Evangelische Kindertageseinrichtungen: Bildung von Anfang an. Leipzig
  2. Rauschenbach, T. (2019). Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2019. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. München

 

Autorin:

Christiane Münderlein | Vorständin Bildung und Soziales | Evangelischer KITA-Verband Bayern e.V. | Vestnertorgraben 1 | 90408 Nürnberg | Tel.: +49 911 36779-20 | Email: Christiane.Muenderlein@evkita-bayern.de


Der Beitrag ist zuerst erschienen in: elkb-Nachrichten 3/21, S. 20-22.

 

Hier finden Sie den Artikel als pdf-Datei zum Download:
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